Kapitalismus

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Im folgenden soll es um die Funktionsweise und die wichtigsten Probleme des Kapitalismus (→WP) gehen. Der Kapitalismus ist ein auf die Warenproduktion ausgerichtetes Wirtschaftssystem, das auf Privateigentum an Produktionsmitteln und dem Austausch von Waren über den Markt basiert.

Warenfetischismus

In vorkapitalistischen Gesellschaften war die Gesellschaft nicht primär auf die Produktion von Waren ausgerichtet. Waren-produzierende Arbeit z.B. von Handwerkern war eher am Gebrauchswert, an der Produktion und am Austausch von Gütern, orientiert. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass das Erwecken von Bedürfnissen durch Werbung keine Rolle spielte (Bedürfnisse wurden als etwas gesehen, das – idealerweise – befriedigt, aber nicht hervorgerufen werden muss) und das Arbeit nicht als Ideal angesehen wurde (es galt nicht als Schande, nicht zu arbeiten; und es war normal, nur soviel zu arbeiten wie zum Leben nötig war).

Dagegen ist der Kapitalismus auf die Produktion von Waren, d.h. von Dingen mit Tauschwert ausgerichtet. Im Kapitalismus geht es um die Verwertung von (Tausch-)Wert – wer das eigene Kapital und andere verfügbare Ressourcen (z.B. die eigene Arbeitskraft) möglichst effizient verwertet, wird belohnt, alle anderen werden auf Dauer bestraft.

Der Gebrauchswert spielt im Kapitalismus deshalb nur eine untergeordnete Rolle, er wird nur insofern berücksichtigt, wie er zur Generierung von möglichst viel zusätzlichem Tauschwert (Mehrwert) nötig ist. Das erklärt die kapitalistische Tendenz des „Mehr Schein als Sein“, da der wahrgenommene Gebrauchswert für die Kaufentscheidung wichtiger als der tatsächlich vorhandene ist; ebenso die Tendenz, durch Werbung und Medien den Menschen zu suggerieren, dass sie bestimmte Dinge brauchen, auch wenn sie mit diesen tatsächlich auf Dauer vielleicht nicht viel anfangen können.

Konkurrenz im Kapitalismus

Die Dynamik der Konkurrenz ist im Kapitalismus die treibende Kraft der Produktivkraftentwicklung. Auf Dauer ist nur erfolgreich, wer dieselben Waren billiger oder bessere (bzw. besser erscheinende) Waren zum gleichen Preis herstellen kann – das zwingt zu Innovation und Effizienzsteigerung. Die kapitalistische Konkurrenz funktioniert also nur dadurch, dass es Gewinner, die belohnt, und Verlierer, die bestraft werden, gibt.

Dabei verbessern materielle Vorteile (z.B. frühere Gewinne) die Ausgangsposition im Konkurrenzkampf (nicht als absolute Notwendigkeit, aber als Tendenz – natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, die aber eben nichts weiter als Ausnahmen sind). Dadurch führt der Kapitalismus auf Dauer zu einer immer größer werdenden gesellschaftlichen Ungleichheit, bei der einige immer reicher werden, während viele andere zu einer äußerst prekären Existenz verdammt werden und auf die Befriedigung des Großteils ihrer Bedürfnisse verzichten müssen.

Gleichzeitig werden durch die kapitalistische Konkurrenz aber auch zahlreiche neue Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung geschaffen, weil immer wieder neue Märkte für die Warenproduktion erschlossen werden müssen. Diese sind teils einer kleinen Elite vorbehalten (Luxusgüter), kommen aber in vielen anderen Fällen einem großen Teil der Bevölkerung zugute (Massenproduktion und -konsum).

Und während die kapitalistische Konkurrenz einerseits die meisten Menschen zwingt, einen (rational gesehen völlig übertrieben) großen Teil ihres Lebens mit Erwerbsarbeit oder Arbeitssuche zu verbringen, hat sie andererseits zu einer enormen Produktivkraftsteigerung durch effizientere Produktionsmethoden und Automatisierung geführt, dank derer die Menschen – in einer rationaler organisierten Wirtschaft – zukünftig mit sehr viel weniger Arbeit als in vorkapitalistischen Zeiten nötig gewesen wäre, sich einen Lebensstandard sichern könnten, der früher ganz undenkbar gewesen wäre.

Insofern hat die kapitalistische Konkurrenz eine destruktive und eine konstruktive Komponente, wobei letztere ihr volles Potenzial aber erst nach Überwindung des Kapitalismus entfalten können wird. Innerhalb des Kapitalismus führt die arbeitssparende Produktivkraftsteigerung noch zu Not und Unglück bei den Menschen, die keine reguläre Arbeit mehr finden können und deshalb unter mangelnden Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung sowie unter mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz leiden.

Innerhalb des Kapitalismus kann dieses Problem auch durch Reformen etwa in Hinblick auf eine „gerechtere“ Verteilung der Arbeit realistischerweise nicht gelöst werden, da solche Reformen sowohl den Interessen der Unternehmen (für die weniger länger arbeitende Angestellte günstiger als mehr kürzer arbeitende sind, da viele Kostenfaktoren z.B. für Ausstattung von Arbeitsplätzen oder Anlernzeiten von der Anzahl der Angestellten und nicht von der Arbeitszeit abhängen) als auch denen vieler Erwerbsarbeiter/innen (die durch Mehrarbeit einen Einkommenszuwachs erziehen könnten) zuwiderlaufen würden und somit ohne weltweit einheitliche Maßnahmen nicht durchsetzbar wären.

Interessengegensatz zwischen Produzent/innen und Konsument/innen

Ein weiteres Problem der Warenproduktion ist die strikte Trennung der Produktion von der Konsumption, die zu einem direkten Interessengegensatz zwischen Produzent/innen und Konsument/innen führt. Weil erstere nicht für sich selbst oder für Bekannte produzieren, fehlt ihnen der positive Bezug zum Gebrauchswert ihrer Produkte (die sie ja nicht oder nur in Ausnahmefällen selbst gebrauchen werden). Der Gebrauchswert ist für sie vielmehr nur „notwendiges Übel“ – mit je weniger Aufwand ein den Käufern (gerade noch) akzeptabel erscheinendes Produkt hergestellt werden kann, um so besser.

Dagegen möchten Konsument/innen möglichst viel Gebrauchswert für möglichst wenig Geld erhalten – je günstiger (d.h. schlechter bezahlt) die Arbeitszeit der Produzent/innen ist, um so besser für sie.

Da aber die allermeisten „gewöhnlichen“ Menschen sowohl Produzent/innen als auch (bezüglich anderer Waren) Konsument/innen sind, geraten sie in die schizophrene Situation, als Konsumenten jeweils in einem Interessenkonflikt mit den anderen Produzenten und als Produzenten in einem Interessenkonflikt mit den anderen Konsumenten zu geraten. Diese Tatsache dürfte mit dazu beitragen, dass Verbesserungen (wie kürzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung) innerhalb des Kapitalismus nur schwer zu erkämpfen und noch schwerer (wie die derzeitigen ständigen Verschlechterungen zeigen) langfristig zu verteidigen sind.

Knappheit und Rentabilität

Die Produktion ist im Kapitalismus an das Ziel der Wertverwertung geknüpft – produziert wird auf Dauer nur, was auch profitabel ist, was sich rentiert. Es ist deshalb zumeist mangelnde Rentabilität – und nicht Knappheit, d.h. Mangel an benötigten Ressourcen – die dazu führt, dass Dinge nicht produziert werden, obwohl Bedarf für sie da wäre. Die Grenze der kapitalistischen Produktionsfähigkeit wird erreicht, wenn es sich nicht mehr lohnt, Waren zu produzieren oder zu vermarkten, weil das dafür nötige Kapital auf andere Weise gewinnbringender verwertet werden kann, und diese Rentabilitätsgrenze wird oft lange erreicht, bevor es zu Knappheit (Ressourcenmangel) kommen könnte. Deshalb führt der Kapitalismus zu so unschönen Phänomenen wie der massenhaften Vernichtung von Lebensmitteln, die sich nicht hinreichend profitabel verkaufen lassen – deshalb verhungern jedes Jahr Millionen von Menschen, obwohl es mehr als genug Nahrung für alle gibt (aber die hungernden Menschen verfügen nicht über die nötige Kaufkraft, um sie zu kaufen, und die Kapitalist/innen können sie nicht verschenken ohne ihren eigenen Markt zu ruinieren).

Tatsächliche natürliche Knappheit (im Gegensatz zu unterbleibender Produktion aufgrund von Unrentabilität) tritt dagegen wohl eher selten auf, z.B. bei manchen Metallen. Normalerweise ist nicht der Mangel an Ressourcen, sondern der Mangel an Kaufkraft der potenziell Interessierten der Grund für Nicht-Produktion/Unterproduktion im Kapitalismus.

Der Kapitalismus als globales System

Der Kapitalismus ist – auch schon vor der Globalisierung – immer schon ein globales System gewesen, streng national abgeschlossene kapitalistische Märkte gab es nie. Betrachtet man den Kapitalismus nur auf Länderebene, könnte man zu dem Schluss kommen, dass er in einigen Ländern (Nordamerika, Europa, einige asiatische Staaten...) gut funktioniert, in anderen (Afrika, Südamerika...) dagegen nicht. Man könnte daraus folgern, dass letztere etwas falsch zu machen scheinen, und dass der Kapitalismus in allen Ländern gleichermaßen gut funktionieren könnte, wenn man diese „Fehler“ vermeiden könnte. Doch das wäre ein Trugschluss.

Tatsächlich spielt sich im Kapitalismus auf der Ebene von Staaten dasselbe ab wie auf der Ebene von Firmen: es kommt zu einer mörderischen Konkurrenz, die zwangsläufig Gewinner und Verlierer hervorbringt. Selbst wenn es also einigen der heutigen Verlierer gelingen sollte, zu den Gewinnern aufzusteigen, bedeutet dass nichts anderes, als dass anderswo wieder neue Verlierer entstehen. Ein Szenario, in dem es nur Gewinner, aber keine Verlierer gibt, ist im Rahmen der kapitalistischen Konkurrenz nicht denkbar (da sich die Gewinner ja gerade dadurch auszeichnen, dass sie erfolgreicher sind als andere, die dann auf der Strecke bleiben).

Im Übrigen sollten man an der an Spiele erinnernden Terminologie nicht schließen, dass es in der kapitalistischen Konkurrenz so etwas wie Fairness oder Chancengleichheit gibt. Die Staaten der Dritten Welt hatten gegen die Erste Welt praktisch keinerlei Chancen, da sie anfangs mit Waffengewalt und später durch finanzielle Abhängigkeit und einseitige an den Interessen der Ersten Welt ausgerichtete Handelsbedingungen niedergehalten wurden.

Aber selbst wenn die Bedingungen ansonsten fair wären (was sie nicht sind), wäre es für Nachzügler (wie die Dritte Welt oder später die ex-sozialistischen Staaten) sehr viel schwieriger, im Rahmen der kapitalistischen Konkurrenz aufzuholen. Denn mithalten können bei dieser Konkurrenz nur diejenigen, deren Produktivität auf der aktuellen Höhe des Weltstandards liegt. Um die eigene Produktivität auf dieses Niveau zu bringen, müssten die Nachzügler enorme Anfangsinvestitionen aufbringen (zum Bau modernster Industrieanlagen, Ausbildung/Anwerben von Spezialist/innen etc.) – wobei ihnen oft zusätzlich noch Abwehrmaßnahmen der Industrieländer wie Protektionismus und Subventionen das Leben schwer machen. Die etablierteren Industriestaaten konnten diese Investitionen dagegen über lange Zeiträume verteilt und ohne den Druck schon vorhandener Konkurrenz auf dem heutigen Produktivitätsniveau erbringen.

Und auch wenn den Nachzüglern das Aufholen gelingt (wie heute z.B. China und Indien in einigen Gebieten), führt dies meist nur zu einer Verlagerung statt zu einem Ausbau der Produktion – den neuen Gewinnern stehen anderswo neue Verlierer gegenüber. Das hängt damit zusammen, dass die Produktionsverlagerung normalerweise mit einer Senkung der gezahlten Gehälter einher geht – dass sie „Billiglohnländer“ sind, ist einer der wichtigsten Wettbewerbsvorteile der Entwicklungs- und ex-sozialistischen Länder. Deshalb stehen hohe Kaufkrafteinbußen der abgewickelten Angestellten in den Industrieländern geringere Kaufkraftzuwächse ihrer Nachfolger gegenüber – insgesamt vergrößert sich der Markt kaufkräftiger Konsument/innen also nicht, sondern er stagniert (oder schrumpft).

Gleichzeitig kann nur ein kleiner Teil der Menschen in den Entwicklungsländern von diesen verlagerten Jobs profitieren. Aufgrund des hohen Produktivitätsniveaus werden die meisten nicht „gebraucht“ und haben deshalb keine Chance, aus ihrer Armut herauszukommen.

Wertverwertung und Tauschwertkonzentration

Ironischerweise sind die grundlegenden Funktionsprinzipien des Kapitalismus – langfristig gesehen – zugleich seine größten Probleme. Das Prinzip der Wertverwertung führt – gerade weil es erreicht wird – dazu, dass sich immer mehr Tauschwert in immer weniger Händen konzentriert. Über je mehr Tauschwert man bereits verfügt, desto besser kann man diesen verwerten, desto mehr kann man dazu gewinnen. Wer dagegen nichts zu verwerten hat außer der eigenen Arbeitskraft – die heute in vielen Fällen gar nicht mehr gebraucht wird – hat kaum eine Chance. Die oft beobachtete Tatsache, dass die Schere auseinander geht – dass die Reichen immer reicher und die Armen (sofern noch möglich) ärmer werden, ist deshalb keine temporäre Fehlentwicklung, die innerhalb des Kapitalismus bekämpft werden könnte, sondern folgt unmittelbar aus den Grundprinzipien des Kapitalismus selbst.

Auch die Steigerung der Produktivität durch Automatisierung und andere Verbesserungen der Produktionstechniken trägt zur Konzentration des Tauschwerts bei. Da für die Produktion immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt wird, muss auch weniger Lohn bezahlt werden (Mitarbeiter/innen erhalten Lohn, Maschinen nicht). Zu diesem direkten Einspareffekt kommt noch ein indirekter: durch die hohe Arbeitslosigkeit werden die Erwerbstätigen erpressbar, da sie den sozialen und materiellen Abstieg in die Arbeitslosigkeit fürchten müssen. Diese Furcht kann von den Kapitalist/innen zum Drücken des Lohnniveaus und Verschärfen der Arbeitsbedingungen ausgenutzt werden (wie sich heute allerorten beobachten lässt).

Allerdings wird diese Entwicklung für den Kapitalismus selbst zum Problem, da dadurch immer mehr Menschen nur über geringe (wenn überhaupt) Kaufkraft verfügen. Die Armen der Dritten Welt und (in geringerem Masse) die Arbeitslosen in den Industrieländern fallen als Konsument/innen weitgehend aus – das reduziert den Umfang der kapitalistischen Märkte. Der Kapitalismus kann das zum Teil durch die Produktion von Luxuswaren für die Wohlhabenden, bei denen sich die Kaufkraft konzentriert, ausgleichen, aber nicht komplett, da Bedürfnisse – selbst suggerierte Bedürfnisse – nicht linear mit der verfügbaren Kaufkraft wachen.

Für die meisten kapitalistischen Unternehmen (außer denen, die sich auf Luxusprodukte spezialisieren), wäre es also durchaus wünschenswert, wenn die Kaufkraft relativ gleichmäßig verteilt wäre, da dies die Zahl ihrer potenziellen Kund/innen erhöhen würde. Dagegen führt der Erfolg der Wertverwertung und der durch die kapitalistische Konkurrenz erreichten Produktivitätssteigerung dazu, dass sich die Kaufkraft immer mehr konzentriert und dass immer mehr Menschen weitgehend ohne verfügbare Kaufkraft auskommen müssen, da sie für den kapitalistischen Produktionsprozess nicht mehr benötigt werden. Ausgerechnet der Erfolg der kapitalistischen Grundprinzipien wird so auch für die Kapitalist/innen selbst zum Problem!

Aber warum tragen die Unternehmen dann selbst so unermüdlich zum Anstieg der Zahl der Kaufkraftschwachen bei, indem sie Löhne drücken und „überflüssige“ Mitarbeiter/innen entlassen, wo es nur geht? Wäre es nicht rationaler für sie, mehr Menschen zu beschäftigen und sie besser zu bezahlen, um sich so selbst mehr potenzielle Kunden heranzuziehen? Gelegentlich wird diese Annahme geäußert, meist unter Verweis auf Henry Ford und in vorwurfsvollem Ton wegen der angeblichen „Geizigkeit“ und „Verantwortungslosigkeit“ der Unternehmer/innen. Doch dieser Vorwurf ist unberechtigt, da er vergisst, dass immer nur ein Teil der an Angestellte ausgezahlten Gehälter an die sie beschäftigende Firma zurück fließen wird – abgesehen von Steuern werden die Angestellten ihr Geld teilweise auch für Waren anderer Firmen ausgeben oder einfach sparen. Deshalb wird eine Firma, die ihren Mitarbeiter/innen bessere Gehälter zahlt oder die mehr Mitarbeiter beschäftigt als unbedingt nötig, finanziell immer schlechter dastehen als eine, die beides nach unten „optimiert“. Und aufgrund der Gnadenlosigkeit der kapitalistischen Konkurrenz haben die Unternehmen hier nicht viel Spielraum – ein Unternehmen, das aus „Nettigkeit“ mehr Geld ausgibt als die Konkurrenz, wird nur schwer langfristig überleben können. Es sind deshalb nicht Charakterfehler der Manager/innen, sondern die Notwendigkeiten der kapitalistischen Produktion, die die Unternehmen dazu bringen, sich so zu verhalten wie sie es tun. Innerhalb des Kapitalismus lässt sich dieses Problem nicht lösen.

Spätstadium und Überwindung des warenproduzierenden Systems

Wie wir gesehen haben, führt das kapitalistische System der Warenproduktion in einen Status extremer Tauschwertkonzentration, wo sich der Großteil des materiellen Reichtums in wenige Händen konzentriert, während große Teile der Bevölkerung (die für die kapitalistische Produktion „überflüssigen“) in großer Armut leben müssen und von den meisten materiellen Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung abgeschnitten sind. Während der Kapitalismus solange ein hochgradig dynamisches System ist, wie die Ungleichheit (Tauschwertkonzentration) als Ergebnis der Wertverwertung zunehmen kann, droht in dem Spätstadium, wenn bei den Armen und „Überflüssigen“ nichts Nennenswertes mehr zu holen ist, eine Phase der langfristigen Stabilisierung und Stagnation.

Es ist zwar denkbar, dass die Dynamik der Wertverwertung von sich aus zum Implodieren des Systems führt – sicher ist dieses Szenario aber keineswegs. Vermutlich wird die Spätphase des Kapitalismus eher so aussehen wie in der Dritten Welt heute schon zu beobachten: die Reichen schotten sich ab und verteidigen – wenn nötig mit polizeilich/militärischer Gewalt – ihren Reichtum, während die Mehrheit der Bevölkerung ohne viele Möglichkeiten sich selbst überlassen wird, solange durch Medien und, soweit nötig, amtlich/polizeiliche Maßnahmen sichergestellt ist, dass sie auf keine „dummen Ideen“ kommen und die erreichte Verteilung von Reichtum und Macht nicht gefährden. In der sich in den Industriestaaten herausbildenden Variante des Spätstadiums dürfte für diese amtlichen Maßnahmen zur Ruhigstellung der Bevölkerung vor allem die Beschäftigungspolitik zur Simulation von Arbeit und zum Beschäftigthalten der Arbeitslosen eine wichtige Rolle spielen (wie der mit Hartz IV einhergehende Dauer-Bewerbungszwang, 1-Euro-Jobs u.ä. ökonomisch unsinnige, aber zum Ruhighalten der Arbeitslosen nützliche Maßnahmen).

Dieses Spätstadium dürfte sich nur durch das gezielte Verfolgen einer alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung überwinden lassen. Reformen innerhalb der Kapitalismus bieten keinen dauerhaften Ausweg, da sie den durch die Wertverwertung bedingten Prozess der Umverteilung von unten nach oben aller bisherigen Erfahrung höchstens nach höchstens bremsen, aber nicht umkehren können. Selbst eine gleichmäßige Umverteilung aller finanziellen Mittel unter nahezu vollständiger Enteignung der Reichen – die aufgrund des Einflusses und der Macht dieser Gruppe ohnehin undurchsetzbar sein dürfte – hätte bei Beibehaltung des kapitalistischen Systems keine andere Auswirkung, als dass der Prozess der Wertverwertung und der dadurch zunehmenden Ungleichheit wieder von vorne beginnen würde.

Und da zentrale Probleme des Kapitalismus schon durch das System der Warenproduktion verursacht werden, dürften auch alle Versuche zum Aufbau eines nicht-kapitalistischen Systems der Warenproduktion – wie einst der Realsozialismus – zum Scheitern verdammt sein (siehe Sozialistische Warenproduktion ist auch keine Alternative).

Deshalb bleibt als einziger Ausweg die Organisation der Produktion auf eine Weise, bei der Dinge nicht als Waren, sondern als Güter hergestellt werden, d.h. bei der nicht der Tauschwert, sondern der Gebrauchswert der produzierten Dinge im Vordergrund steht. Dieses System wird nicht ganz von vorne anfangen müssen, sondern logischerweise auf dem im Kapitalismus erreichten Produktionsniveau aufsetzen. Der Übergang zu einem solchen System der Güterproduktion erfordert eine Aufhebungs- und Aneignungsbewegung, die in der Lage ist, die (heute sehr starke) Rhetorik und Ideologie des Kapitalismus zu ignorieren und sich, soweit erforderlich, die für die Güterproduktion nötigen Kenntnisse und Produktionsmittel anzueignen, wenn nötig auch gegen den Willen der kapitalistischen „Besitzstandswahrer“.

Robert Kurz und die anderen Wertkritiker/innen, auf deren Argumentation dieser Text weitgehend aufbaut, haben über Organisation und Aufbau eines solchen Systems der Güter-statt-Waren-Produktion nicht viel zu sagen, außer dass sie seine Notwendigkeit betonen. Dagegen lassen sich in den Bewegungen für Freie Software und Freie Inhalte Ansätze eines solchen Systems schon in Aktion beobachten – auch wenn den meisten Beteiligten dieser Bewegungen bislang das Bewusstsein dafür fehlt, dass sie tatsächlich an einer Alternative zum Kapitalismus arbeiten. Dass ein den Gebrauchswert betonendes Produktionssystem gerade in diesen Bereichen entstehen konnte, dürfte damit zusammenhängen, dass die erforderlichen Produktionsmittel – im wesentlichen Computer – in den Industrieländern allgemein verfügbar sind, so dass keine besondere Aneignung erforderlich war. Wie sich diese Produktionsweise auch auf andere Lebensbereiche, wo die Voraussetzungen häufig weniger günstig sind, übertragen lassen, ist im Rest dieses Wikis Thema.

Weiterführende Seiten

Literatur

  • Robert Kurz: Der Kollaps der Modernisierung. Reclam, Leipzig 1994. ISBN 3379015032.