Motivation

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Modelle von Motivation

Bevor es konkret um die Gründe geht, warum Menschen in (doppelt) freien Projekten mitarbeiten, sind einige allgemeinere Überlegungen zum Begriff der Motivation (→WP) hilfreich.

Intrinsische und extrinsische Motivation

Eine häufig vorgenommene Unterscheidung ist die von intrinsischer und extrinsischer Motivation:

Intrinsisch motiviert
sind Dinge, die man um ihrer selbst willen oder unmittelbar zur Bedürfnisbefriedigung oder Selbstentfaltung macht. Intrinsische Motivation geht häufig damit einher, dass man etwas gerne macht und dass man es möglichst gut machen will; Neugier, Leidenschaft, Spontanität spielen dabei häufig eine wichtige Rolle.
Extrinsisch motiviert
sind Dinge, die man aufgrund externer Anreize wie Geld, Zwang oder gesellschaftlichem Erwartungsdruck macht.

Innerhalb der intrinsischen Motivation werden (z.B. von Lakhani & Wolf) zwei wesentliche Faktoren unterschieden:

Genuss (enjoyment)
Dinge werden um ihrer selbst willen gemacht, weil man gerne macht, weil man sie genießt; dies sind häufig Dinge, die Kreativität oder das Lösen von Problemen erfordern. Im Rahmen solcher leidenschaftlichen Aktivität gerät man bisweilen in den als Flow bezeichneten Zustand, in dem man alles um sich herum vergießt und völlig in der Tätigkeit aufgeht (wie ihn wohl jede Programmierer/in kennt).
Bindung/Gemeinschaft (obligation/community)
Das Handeln in und für eine Gemeinschaft, der man sich zugehörig fühlt, ist häufig ebenfalls intrinsisch motiviert, und zwar wenn man nicht aufgrund einer formalen Verpflichtung handelt, sondern aufgrund des Zusammengehörigkeitsgefühls, der Bindung an die Gruppe. Man möchte sich selbst als Teil der Gemeinschaft fühlen und von den anderen anerkannt werden. Diese Bindung wird häufig auch durch ein Gefühl der Gegenseitigkeit geprägt, man möchte „den anderen etwas zurückgeben für das, was sie einer/m selbst gegeben haben“.

Dies sind zwar typische, aber nicht die einzigen für intrinsische Motivation relevanten Faktoren. Ebenfalls intrinsische motiviert ist z.B., wer Dinge macht, die für die eigene Bedürfnisbefriedigung notwendig sind (z.B. wenn man Software schreibt, die man selbst nutzen möchte; oder wenn man die Wohnung putzt, weil eine/n der Dreck nervt oder weil man erkennt, dass man später sonst noch mehr Arbeit damit hätte).

Intrinsische und extrinsische Motivation schließen sich zwar nicht generell aus, doch ist die Kombination oft problematisch, wie z.B. Alfie Kohn beschreibt. Die Existenz extrinsischer Anreize (wie Bezahlung, Preise oder Auszeichnungen) wirkt sich auf bereits vorhandene intrinsische Motive häufig negativ auf, Begeisterung für und Interesse an einer Aktivität werden dadurch häufig reduziert. Extrinsische Anreize sind deshalb eher sinnvoll als eine Art „letztes Mittel“, um Menschen für Dinge zu motivieren, die sie andernfalls gar nicht machen würden – dafür, sie als notwendigen Anreiz für jede ernsthafte Tätigkeit zu betrachten (wie es die kapitalistische Mythologie gern tut) gibt es keinen empirischen Grund.

Torvalds/Himanen-Modell

Linus Torvalds entwickelt in seinem Vorwort zu Pekka Himanens Hackerethik-Buch ein eigenes Motivations-Modell (das von Himanen weiter ausgeführt wird). Dabei wird von drei wesentlichen Motiven für menschliches Tun ausgegangen:

  • Überleben: Sicherung des eigenen Lebensunterhalts, der eigenen Gesundheit, Abwenden materieller Not
  • Sozialleben: dazugehören, Teil einer Gemeinschaft sein, Freunde haben, anerkannt werden für das was man tut, lieben und geliebt werden
  • Leidenschaft/Unterhaltung: Freude am Tun

Im Vergleich zum oben ausgeführten Modell entspricht dabei das Überleben ungefähr der extrinsischen Motivation, Sozialleben der Gemeinschafts-basierten und Leidenschaft/Unterhaltung der Genuss-basierten intrinsischen Motivation.

Für das Überleben notwendige Tätigkeiten werden von Torvalds dabei zwar als notwendig, aber noch nicht als besonders interessant angesehen. Sobald das Überleben gesichert ist, hat man Zeit und Möglichkeiten, sich den anderen beiden Bereichen (Sozialleben und Leidenschaft/Unterhaltung) zu widmen, und erst diese bieten die Basis für ein wirklich erfülltes Leben.

Das erklärt auch die für die „Hackerethik“ typische relativ entspannte Einstellung zum Geld: Geld ist zwar (in unserer Gesellschaft) fürs Überleben nötig und möglicherweise nützlich als Hilfsmittel für die Realisierung anderer Motive, aber darüber hinaus nicht weiter interessant – wichtiger sind Leidenschaft und der Wunsch, gemeinsam mit anderen etwas sozial Wertvolles zu schaffen. Als wichtiger und befriedigender als Geld wird bei „Hackern“ (ähnlich wie bei Forscher/inne/n) auch die Anerkennung durch eine Gemeinschaft, die die eigenen Leidenschaften teilt, angesehen – Anerkennung ist dabei aber kein Ersatz für Leidenschaft und das Schaffen von sozial Wertvollem, sondern sollte deren Resultat sein.

Motivation in Freien Projekten

Die Frage, warum Leute in Freien Projekten mitarbeiten, wurde unter anderem von Frauke Lehmann untersucht (siehe Abschnitt Literatur), die dabei neben einer eigenen Befragung auch die Ergebnisse andere Studien (wie der FLOSS-Studie von 2002) ausgewertet hat. Ihren Erkenntnissen zufolge lassen sich die tatsächlichen Gründe zur Mitarbeit an Freie Software-Projekten in vier Gruppen unterteilen:

  • Eigeninteresse (Verbessern und Ausprobieren der eigenen Fähigkeiten, Spaß haben)
  • technisch-praktische Motive (Wunsch nach neuer oder besserer Software)
  • soziale Motive (Wunsch, Teil einer kooperierenden Gruppe zu sein; anderen etwas zurückgeben für die Software, die man verwendet)
  • Überzeugung (ideologische Motive) (für die Weiterentwicklung und Verbreitung Freier Software sorgen, Wissen und Fähigkeiten teilen, „Software sollte frei sein“)

Für den Beitritt zu Freien Projekten scheinen dabei Eigeninteresse und technisch-praktische Motive, aber auch soziale Motive im Vordergrund zu stehen. Das gezielte Erwerben von Reputation (wie von Eric Raymond postuliert, siehe Literatur: Freie Software) scheint dagegen eher eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Geht es darum, warum man dauerhaft dabei bleibt, scheinen in etwa dieselben Gründe relevant zu sein, allerdings erhöht sich mit die Zeit die Bedeutung der Überzeugung (ideologische Motive). Dabei kommt oft ein Gefühl der Verantwortung gegenüber anderen Projektmitgliedern oder der Software selbst sowie die persönliche Verbundenheit mit anderen Projektmitgliedern.

In einer weiteren großen Studie (Lakhani & Wolf) wurde die Motive der befragten Projektteilnehmer/innen in das oben erläuterten intrinsisch/extrinsisch-Modell eingeordnet. Die am häufigsten genannten Gründe waren:

intrinsisch, Genuss-orientiert
“Project code is intellectually stimulating to write” (44.9%).
intrinsisch, Gemeinschafts-orientiert
“source code should be open” (33.1%); “sense of obligation to give something back to the F/OSS community” (28.6%)
extrinsisch
“Improve programming skills” (41.3), benötigen die Software für ihre Arbeit (33.8%), benötigen die Software für private Zwecke (29.7)

(Die Summe der Gründe ist >100%, da nach den jeweils drei wichtigsten Gründen gefragt wurde.) Die Einordnung der als extrinsisch bewerteten Gründe ist allerdings teilweise fragwürdig. Dass man die Software für private Zwecke benötigt, ist eigentlich eine intrinsische Motivation (Befriedigung eigener Bedürfnisse). Bei “Improve programming skills” wäre eine Aufschlüsselung nach dem Zweck dieses Vorhabens interessant: sofern es darum geht, den eigenen „Marktwert“ zu erhöhen (besseres Gehalt oder bessere Einstellungschancen aufgrund besserer Programmierkenntnisse), stimmt die Einordnung; doch kann es für den Wunsch nach besseren Programmierfähigkeiten auch intrinsische Gründe geben, etwa den Wunsch, die eigene Möglichkeiten besser auszuschöpfen (Selbstentfaltung), oder die Lust am Lernen.

Der Wunsch nach Erhöhen der eigenen Reputation oder des beruflichen Status spielt auch dieser Studie zufolge keine große Rolle.

Die ständig feststellbare Präsenz soziale Motive bzw. Gemeinschafts-orientierter intrinsischer Motivation deutet darauf hin, dass neben Selbstentfaltung und praktischen Bedürfnissen auch die menschliche Grundtendenz, gegenseitige Hilfe zu leisten, eine Rolle spielt, die bislang wenig beachtet wurde, aber wahrscheinlich nicht übersehen werden sollte.

Literatur

Weitere Studien: