Selbstentfaltung

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Selbstentfaltung ist ein im Oekonux-Kontext geprägter Begriff mit einer individuellen und einer gesellschaftlichen Dimension. Individuell meint er das Entfalten der eigenen Möglichkeiten, das Entwickeln der eigenen Persönlichkeit. Die Entfaltung der Persönlichkeit weist dabei häufig Formen der Entäußerung (produktive, reproduktive, technische, kulturelle, kommunikative, konsumtive etc.) auf, die für andere nützlich sein können, ist also auch nicht rein individuell.

Die gesellschaftliche Dimension der Selbstentfaltung liegt in der gegenseitigen Abhängigkeit der eigenen Entfaltung von der Entfaltung der anderen. Die Selbstentfaltung anderer ist jeweils Bedingung für die eigene Selbstentfaltung. Ohne die Selbstentfaltung anderer bleibt die eigene Entfaltung notwendigerweise begrenzt. Selbstentfaltung auf Kosten anderer ist deshalb nicht möglich. Das unterscheidet die Selbstentfaltung von der Selbstverwirklichung, die auch auf Kosten anderer denkbar ist.

Stattdessen „entsteht eine positive Rückkopplung: Mein Bestreben richtet sich darauf, dass die Anderen sich entfalten können, damit ich mich entfalten kann. Würde ich mich nur darauf konzentrieren, was ich zu tun wünsche und die Anderen ignorieren oder gar ausgrenzen, dann schadete ich mir selbst.“ [1]

Insofern ist die Selbstentfaltung des Einzelnen die unmittelbare Bedingung für die Entfaltung aller – und umgekehrt.

Die Unmittelbarkeit ist dabei wichtig, da ähnliches mittelbar (also durch Geld, Markt, Staat o.ä. vermittelt) auch schon im Liberalismus angedacht und im Kapitalismus partiell verwirklicht wurde. Mit der Unmittelbarkeit ist dabei jedoch nicht gemeint, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse quasi von selbst einrichten, dass man einfach nur machen müsse und dann passt schon alles. Vielmehr geht es um die Abgrenzung gegenüber z.B. dem Liberalismus, der einen ähnlichen Anspruch hat, ihn aber nicht nur nicht verwirklicht, sondern sogar aktiv verhindert durch Einführung einer mittelbaren Verbindungsschicht zwischen den Menschen.

Siehe auch: Hackerethik, gegenseitige Hilfe

Offene Fragen

Hier einige offene Fragen und Einwendungen zum Konzept der Selbstentfaltung – teilweise mit (partiellen) möglichen Antworten:

  • Selbstentfaltung als leitendes Prinzip bleibt erstmal sehr abstrakt und womöglich unnötig pauschalisierend – sind nicht vielleicht extreme Ausschläge in beide Richtungen (Ich bzw. die anderen) nötig? Man denke z.B. an die Beziehung zu kleinen Kindern, wo man eigene Bedürfnisse doch zumindestens über längere Zeit erstmal hinten an stellen muss; aber auch an das Exit-Kriterium der Freien Kooperation, das ja schon mal eine momentane kurzfristige Ego-Entscheidung sein kann.
Tatsächlich macht es wohl Sinn, den Begriff Selbstentfaltung weniger allgemeines gesellschaftliches Leitprinzip zu sehen, sondern eher als Korrektur einiger heute herrschender Vorurteile – insbesondere die Vorurteile, dass das eigene Wohl zwangsläufig gegen das Wohl der anderen gerichtet ist, oder dass sich individuelle Interessen mit dem Interesse der Allgemeinheit beißen müssen. Das Konzept der Selbstentfaltung weist darauf hin, dass diese Einschätzungen zu kurzsichtig sind und dass oft das Gegenteil gilt.
Dem Vorwurf, dass das Konzept zu abstrakt bleibt und der Vielfalt des Lebens nicht immer gerecht wird, ist damit natürlich noch nicht geantwortet. Es dürfte wirklich zu kurz greifen, die Selbstentfaltung als einzige oder primäre Grundlagen einer gesellschaftliche Vision aufzufassen (wie dies etwa der Begriff Selbstentfaltungsgesellschaft nahelegt) – gesellschaftliche oder individuelle Notwendigkeiten bleiben natürlich weiterhin bestehen, und eine Sache muss nicht unbedingt der Selbstentfaltung dienen, um gesellschaftlich relevant zu sein. Siehe dazu auch die (teilweise noch ausstehenden) Erörterungen zu öffentlichen Aufgaben und unangenehmen Aufgaben im Rahmen einer Freien Gesellschaft.
  • Ist dieses Konzept nicht letzten Endes blind gegenüber Machtfragen? Kann ich nicht vielleicht sogar gerade mit Selbstentfaltung Machtausübung rechtfertigen?
Immerhin betont das Konzept, dass Selbstentfaltung nicht auf Kosten anderer stattfinden kann. Geht man davon aus, dass Macht über andere Personen immer auf Kosten dieser Personen geht (oder leicht gehen kann), dann ergibt sich hier ein Widerspruch. Konkret dürfte jedoch für die Beschäftigung mit Machtfragen das Konzept der Freien Kooperation ergiebiger sein.
  • Ist das nicht vielleicht eine (tendenziell männliche) Hobbyistenperspektive, die dieser Utopie des jede/r-macht-sein-Ding zugrunde liegt?
Diese Problematik ist sicherlich vorhanden. Wobei Selbstentfaltung ja auch nicht auf „jede/r-macht-sein-Ding“ reduziert werden sollte, das macht ja z.B. der Text von Annette Schlemm zur Selbstentfaltungsgesellschaft klar, wo die gemeinsame Selbstorganisation und die gleichberechtigte Gestaltung des Zusammenlebens im Mittelpunkt steht.

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