Gegenseitige Hilfe

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Gegenseitige Hilfe scheint neben und in Ergänzung zur Selbstentfaltung und Bedürfnisbefriedigung ein Faktor für die Motivation vieles menschlichen Tuns zu sein, der heute gern übersehen wird, aber nicht zu gering bewertet werden sollte.

Der Begriff geht auf den russischen Naturwissenschaftler und Anarchisten Peter Kropotkin zurück. Kropotkin untersucht in seinem Klassiker „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ von 1892 der die wichtige Rolle von gegenseitiger Hilfe und Unterstützung als evolutionärem Faktor. Anhand zahlreicher Beispiele aus der Tierwelt und menschlicher Gesellschaften (von Urmenschen über „primitive“ Stämme und die Stadtstaaten Griechenlands und des Mittelalters bis zu seiner Gegenwart) zeigt er wie häufig und oft selbstverständlich gegenseitige Hilfe ist. Er schließt daraus, dass gegenseitige Hilfe ein wichtiger evolutionärer Vorteil ist und korrigiert die irreführende Lesart der Evolutionstheorie als eines erbarmungslosen Kampfes „aller gegen alle“ – eine grobe Vereinfachung, die heute weniger verbreitet sein dürfte als zu Kropotkins Zeiten, aber immer noch vorkommt.

Vieles dessen, was Kropotkin als „gegenseitige Hilfe“ bezeichnet, fällt unter das Konzept der Freien Kooperation – Kooperationsverhältnisse, die im allgemeinen zum Vorteil aller Beteiligten sind. Daneben gibt es jedoch auch zahlreiche Beispiele für (zumindest scheinbar) uneigennützige („selbstlose“) Hilfe, d.h. für Hilfeleistungen, die keine Gegenleistung erwarten, also keine direkten Vorteile bringen, dafür aber unter Umständen mit erheblichen persönlichen Nachteilen verbunden sind (z.B. Hilfe für Menschen, die sich in Notsituationen befinden).

Kropotkin weist zugleich darauf hin, dass direkte Konkurrenz ums Überleben (um Nahrung etc.) auf Kosten anderer Tiere derselben oder verwandter Arten in der Tierwelt eher selten vorkommt und normalerweise auf temporäre Extremsituationen beschränkt ist (Nahrungsknappheit nach Dürren o.ä.). Das Aussterben von Arten (mit Ausnahme der vom Menschen ausgerotteten) ist meist eher darauf zurückzuführen, dass sie sich an veränderte Umweltbedingungen nicht hinreichend anpassen konnten, als dass sie der direkten Konkurrenz anderer Arten nicht gewachsen wären. Dies deckt sich natürlich auch mit der Erkenntnis der Evolutionstheorie, dass die am besten angepassten („fittesten“) Lebewesen die besten Überlebenschancen haben. Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe eröffnen allen Beteiligten Möglichkeiten, die sie alleine und im Konkurrenzkampf gegen andere nicht hätten und erhöhen somit ihre „Fitness“. Dies korrigiert den kapitalistischen Mythos, dass Konkurrenz und Egoismus quasi von „Natur“ aus, da durch die Evolution erzwungen, die dominanten Verhaltensformen seien.

Gegenseitige Hilfe steht nicht im Gegensatz zur Selbstentfaltung, sondern kann in vielen Fällen als eine Form, vielleicht als höchste Form der Selbstentfaltung aufgefasst werden. So sagt Richard Stallman:

Goals such as success and fun are not bad, but they are not everything. To adopt them as one's primary goals, as many people do, is a fundamental error: it is to aim too low, to have too small an ambition in life. One you have taken care of your needs for survival and some basic comforts, it's time to try to put some of your effort into making the world a better place. The better off you are personally, the more you should focus effort on helping others, instead of enriching yourself. [1]

Siehe auch: Altruismus, Reziproker Altruismus in der Wikipedia

Christopher Alexander

In der Theorie lebendiger Systeme des amerikanischen Architekten-Philosophen Christopher Alexander (bekannt für die Erfindung von (Entwurfs-)Mustern und Mustersprachen) spielt die gegenseitige Hilfe eine große Rolle. Die Elemente dieser Systeme werden Zentren (centres) genannt und bilden eine Ganzheit (wholeness). Die Systeme entwickeln sich, indem sich die Zentren gegenseitig helfen und damit stärken. Ganz verkürzt könnte man seine Kernthese zusammenfassen als: Leben entwickelt sich auf dem Grundprinzip gegenseitiger Hilfe (Kooperation, Synergie).

Literatur

  • Christopher Alexander, Sara Ishikawa, Murray Silverstein: A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction. Oxford University Press, 1977. ISBN 0195019199.
  • Christopher Alexander: The Nature Of Order, Book 1: “The Phenomenon of Life”. Center for Environmental Structure, 2004. ISBN 0972652914.
  • Peter Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Trotzdem-Verlag, 1989. ISBN 3900434271. Original: Mutual Aid: A Factor of Evolution. Kessinger Publishing, 2004. ISBN 1419135929. Online: [2], [3].